Arbeitsgruppe Weichfresser e.V. - Für Freunde der Weichfresser

Sonnenvögel – meine Erfahrungen

6 Mai, 2021

Sonnenvögel – meine Erfahrungen

Text und Fotos: Dr. Walter Wittig

Erschienen ist dieser Bericht mit dem Titel “Erfahrungen mit Sonnenvögeln“ in der Zeitschrift VZE Vogelwelt (58. Jahrgang. 2013. S. 68 – 71)

Im folgenden Bericht wird der veraltete, im Erscheinungsjahr des Beitrags 2013 aber noch gebräuchliche und vielen Vogelfreunden eher bekannte deutsche Name „Sonnenvogel“ verwendet. Seit 2019 hat diese Vogelart den deutschen Namen Rotschnabel-Sonnenvogel.

Im August 2005 erwarb ich von einem Händler ein Pärchen Sonnenvögel (Leiothrix lutea), bei dem es sich um Importtiere handelte. Es lebt seitdem in meiner Voliere und hat zahlreiche Nachkommen gebracht. Über die Haltungs- und Ernährungsbedingungen sowie über meine Erfahrungen bei dem Brutgeschäft möchte ich im Folgenden berichten.

Haltung und Fütterung

Im ersten Jahr nach dem Erwerb, 2006, lebte das Paar in einer spärlich bewachsenen Freivoliere mit 3 m² Grundfläche, seitdem ganzjährig in einer größeren (etwa 15 m² Grundfläche und 2,30 m Höhe) mit einem anfangs mäßigen, später stärkeren Bewuchs mit einer Thuja, einer Cupressocyparis leylandii, einem Chinesischen Wacholder (Juniperus sinensis stricta) und Buchsbaum (Buxus sempervirens). Das nach Westen gerichtete Drittel der Voliere ist mit Acrylglas-Profilplatten abgedeckt und an Rück- und Seitenwand mit Brettern geschützt. Hier steht auch eine abgestorbene Fichte, zwischen deren Äste vor allem im Winter Fichtenreisig gesteckt wird. Die Fütterung erfolgt in diesem überdachten Abschnitt. Wenn die Sonnenvögel ein Nest erbauten, wurde der Nistplatz durch ein auf den Maschendraht des Daches gelegtes Blech vor Regen geschützt.

Die Sonnenvögel lebten in diesen Jahren zeitweise mit Maskengimpeln (Pyrrhula erythaca), Meisengimpeln (Carpodacus sibiricus) oder Goldgrasmücke (Goldalcippen) (Lioparus chrysotis) zusammen, ohne dass es zu Streitigkeiten kam. In einem Jahr wurden die Eier der Meisengimpel von den Sonnenvögeln, wahrscheinlich den Jungtieren, aus dem Nest geworfen, was später durch Brut der Meisengimpel in einem Drahtnest mit zusätzlichem Schutz der offenen Vorderfront durch Drahtgitter verhindert wurde.

Ganzjährig wurden Mehlwürmer, die Larven es Mehlkäfers (Tenebrio molitor), gegeben, außerhalb der Brut- und Mauserzeit täglich etwa ein Teelöffel je Tier, während der Brutzeit unbeschränkt. Diese wurden in den letzen 24 Stunden vor der Verabreichung mit Möhren gefüttert; vorher erhielten sie einige Zeit keine oder wenig Nahrung, damit sie reichlich von den Möhren aufnahmen. Unmittelbar vor der Verabreichung wurden sie mit einem Kalk-Vitamin-Präparat (etwa 1 Dosierlöffel für 1 g auf 10 Teelöffel Mehlwürmer) und, zur Haftung dieses Präparats, mit einer sehr geringen Menge Speiseöl vermischt.

Hirse und Kanariensaat sowie ein Fettfuttergemisch wurden zusätzlich gegeben und anfangs vor allem außerhalb der Brutzeit von den Sonnenvögeln gern aufgenommen. Vor zwei Jahren bemerkte ich, dass die Sonnenvögel, als ich ihnen Mehlwürmer zuwarf, zuerst begierig die Haferflocken fraßen, die dazwischen geraten waren. Seitdem füttere ich vor allem außerhalb der Brutzeit Haferflocken (kernig); Hirse und Fettfutter werden nun nur noch sehr wenig verzehrt. Öfter picken die Sonnenvögel auch aus dem Futtertrog der Gimpel. Apfel steht ständig zur Verfügung und wird vor allem im Winterhalbjahr reichlich genommen.

Im Sommer 2011 setzte ich den Mehlwürmern ein Luteinpräparat zu, um eine kräftige Gelbfärbung der gemeinsam mit den Sonnenvögeln gehaltenen Goldalcippen zu erreichen. Drei Tage später fiel mir auf, dass die gelben Schnäbel der Sonnenvögel eine kräftige rote Färbung angenommen hatten. Offensichtlich hatte vorher Luteinmangel bestanden.

Jungtier mit mangelnder Lutien-Versorgung

Die Jungvögel, die zu dieser Zeit noch im Nest saßen, bekamen nun ein viel prächtigeres Federkleid als ihre Eltern, die es ihnen erst zur Herbstmauser gleichtaten. Das Lutein, ein Karotinoid, ist vor allem in grünen Pflanzenteilen vorhanden und wird von Insekten fressenden Vögeln gewöhnlich mit deren Darminhalt aufgenommen; da die Mehlwürmer nur Getreideprodukte und Möhren erhielten, hatte den Sonnenvögeln Lutein nicht ausreichend zur Verfügung gestanden. Lutein ist ein gelber Farbstoff, kann aber von den Sonnenvögeln durch Oxydation in rote Farbstoffe umgewandelt werden (Stradi 1998). Es wird aus Studentenblumen (Tagetes) gewonnen, also nicht synthetisch erzeugt. Ich gebe den Sonnenvögeln jetzt während der Mauser und auch während der Jungenaufzucht regelmäßig ein Luteinpräparat.

Brutgeschäft

Im April 2006 bauten die beiden Sonnenvögel in der kleinen Freivoliere ein Nest in der Thuja, konnten es aber nur vollenden, nachdem ein kleines Drahtkörbchen unter dem Nestanfang befestigt worden war. Mehr geschah aber in diesem Jahr nicht. Im folgenden Winter wurden die Tiere in die große Voliere umgesetzt. Anfang April 2007 war hier das Nest in der Thuja schon fast fertig, wurde aber bald wieder abgebaut. Anfang Juni konnte Begattung beobachtet werden, die damit eingeleitet wurde, dass das Männchen mehrmals über Kopf und Vorderkörper des Weibchens sprang. Am 12. Juni lag das erste Ei im Nest, diesmal im Buchsbaum. Vier Bruten flogen in diesem Jahr aus.

In den nächsten fünf Jahren wurde das erste Ei immer im Zeitraum vom 28. März bis 11. April abgelegt, und es erfolgten in der Regel sechs Bruten meist im Abstand von etwa 30 Tagen, so dass die letzten Bruten zwischen 31. August und 3. September begannen. In einem Jahr, als wegen Erkrankung die ständige Bereitstellung von Mehlwürmern zeitweilig nicht möglich war, waren es nur vier Bruten, und in einem anderen Jahr, in dem die Jungtiere von zwei Bruten kurz nach dem Schlupf verendeten, wurden sieben Gelege gezeitigt.

Als ich bemerkt hatte, dass die Goldalcippen ihr Nest mühelos und schnell bauen können, wenn ihnen dafür Werg zur Verfügung steht (Wittig 2008), gab ich dieses ab 2007 auch den Sonnenvögeln, denen ich im Jahr zuvor mit einem Körbchen hatte zu Hilfe kommen müssen. Sie nahmen es sofort an und verwendeten es ähnlich wie die Goldalcippen für den Unterbau ihres Nestes. Sie befestigten dieses damit an der Unterlage, indem sie viele der dünnen Wergfasern um die Zweige wanden. Weitere Hilfe brauchten sie nun für den Nestbau nicht mehr. Das Werg besteht aus Fasern, die beim Verarbeiten von Lein oder Hanf anfallen und eine gute Haftfähigkeit haben. Dem Klempner dient es als Dichtungsmaterial. Ich vermute, dass die Alcippen im Freileben statt dieser Fasern Spinnweben verwenden. Für die folgenden Bruten wurde manchmal das gleiche Nest benutzt oder ein älteres, nachdem es ausgebessert worden war, oder es wurde ein neues gebaut. Die Nester standen entweder in der Thuja oder dem Buchsbaum, 60 bis 120 cm über dem Erdboden, fast immer so, dass man sie von außen kaum sehen konnte.

Gelege des Sonnenvogels

In der Regel wurden vier Eier gelegt, manchmal auch nur drei. Die Bebrütung begann mit der Ablage des vorletzten Eies, wobei sich beide Elterntiere abwechselten. Nach 12 Tagen schlüpften die Jungen, das aus dem zuletzt gelegten Ei am darauf folgenden Tag. Sie wurden von den Eltern vom ersten Tag an mit ausgewachsenen Mehlwürmern gefüttert, die sie, besonders solange die Jungen noch klein waren, vorher intensiv und lange mit dem Schnabel bearbeitet hatten. Als ich einmal, als die Jungtiere einen Tag alt waren, ausgewachsene und halbwüchsige Mehlwürmer gemischt gegeben hatte, waren am nächsten Tag nur die halbwüchsigen übrig geblieben. Wenn ich den Altvögeln Mehlwürmer vorwarf, brachte das Männchen, anders als das Weibchen, gewöhnlich mehrere davon gleichzeitig zum Nest. Älteren Nestlingen wurden auch zwei ausgewachsene Mehlwürmer gleichzeitig in den Rachen gesteckt.

Bei einer Brut fand ich morgens nur einen toten, aber äußerlich unbeschädigten frischgeschlüpften Jungvogel im Nest. Als ich nach einigen Minuten wieder in die Voliere kam, lag er stark zerbissen in einer Ecke, und das Nest war leer. Offensichtlich war er von den Elterntieren erst beim Entfernen aus dem Nest, als er bereits tot war, so zugerichtet worden. Man hört manchmal, dass Sonnenvögel ihre Jungvögel totgebissen und aus dem Nest geworfen hätten. Vielleicht waren die Jungtiere auch in diesen Fällen schon vorher tot.

Jungvögel sieben Tage alt

Häufig verließen die Jungvögel schon 10 Tage nach dem Schlupf in der Regel gemeinsam das Nest. Sie blieben dann gewöhnlich zunächst noch in der Nähe des Nestes und wurden am Abend von den Eltern in den hinteren, überdachten Teil der Voliere geführt.

Jungvögel 10 Tage alt, kurz nach dem Ausfiegen

Oft wurde das Nest auch erst nach 11 Tagen verlassen. In diesem Fall entfernten sich die Jungen schon bald vom Nest und saßen in den Zweigen; sie waren dann gewöhnlich schon gut flugfähig, und nur der Jüngste hatte damit manchmal noch Probleme. Auch wenn das nächste Gelege schon geschlüpft war, wurden sie von den Eltern noch ein paar Tage gefüttert. Waren sie so lange in der Voliere geblieben, bis ihre jüngeren Geschwister auch das Nest verlassen hatten, setzten sie sich gern zu ihnen und wurden dann dort von den Eltern verjagt oder geduldet, aber nicht mehr gefüttert. Auch im Herbst und Winter wurden sie weiter geduldet; das soll aber nicht immer so sein. Die jungen Männchen ließen dann auch bald ihren Gesang hören, womit manche schon im Alter von fünf Wochen begannen. Die Zahl der jährlich erfolgreich aufgezogenen Jungvögel schwankte zwischen 7 und 15; insgesamt waren es in den sechs Jahren 65.

Manchmal wird die Meinung vertreten, man solle nach dem zweiten oder dritten Gelege in einem Jahr weitere Nachzucht unterbinden. Bei der Vielzahl der Arten und den unterschiedlichen Haltungs- und Ernährungsbedingungen kann diese Frage sicher nicht einheitlich bewertet werden. Bei den Sonnenvögeln dürfte eine Vielzahl aufeinanderfolgender Bruten genetisch vorgesehen, also nicht krankhaft sein. Voraussetzung für ein Gelingen ist natürlich, dass während der Brutperiode immer ausreichend geeignete Nahrung vorhanden ist, und das dürfte im Freileben wohl nur unter sehr günstigen Umständen über mehrere Monate der Fall sein. In Menschobhut kann die benötigte Nahrung in genügender Menge bereitgestellt werden, wenn der Vogel ein zur Verfügung stehendes geeignetes Futtermittel akzeptiert, wie es beim Sonnenvogel der Mehlwurm ist. Mein Sonnenvogelpärchen, das jetzt mehr als mindestens sieben Jahre alt ist, zeigte trotz Inanspruchnahme durch das Brutgeschäft jährlich über mehr als sechs Monate immer volle Gesundheit. Wiederholt konnte ich beobachten, dass das Weibchen nach der letzten, sechsten Brut wieder Begattungsbereitschaft zeigte; aber das Männchen hatte dann kein Interesse mehr, da es bereits in Mauser war.

Adultes Weibchen

Unterscheidung der Geschlechter

Da der geringe Größenunterschied von Männchen und Weibchen nicht zur Bestimmung des Geschlechts herangezogen werden kann, habe ich mich bei den Sonnenvögeln nur auf die Stimme verlassen. Wenn ein in Hörweite, aber außer Sicht der anderen isolierter Sonnenvogel eine Gesangsstrophe oder einen Teil davon hören ließ, erwies er sich immer als Männchen. Die meist dreisilbigen Rufe der Weibchen verändern dagegen ihre Tonhöhe nicht. Aber in sehr wenigen Fällen ließ auch ein Männchen die gleichen oder sehr ähnliche Rufe hören, manchmal mit einem kurzen andersartigen Anhang. Aber bald brachten auch diese Männchen eine „männchentypische“ Strophe, jedoch nicht immer unmittelbar danach, so dass ein Irrtum bei zu kurzem Verhören möglich ist. Ohnehin lassen insbesondere sehr junge, gerade erst abgesetzte Vögel ihre Stimme oft nicht sofort nach der Isolierung hören, sondern manchmal erst nach wenigen Tagen.

Schwanzbinde

Einen gewissen Hinweis auf das Geschlecht kann auch die weiße Binde auf dem Schwanz geben, die sich am Ende der Oberschwanzdecken befindet. Beim Männchen ist sie gewöhnlich kräftiger und häufig noch durch eine weitere, wesentlich schwächere ergänzt, die sich weiter vorn, am Ende der darüber liegenden kürzeren Oberschwanzdeckenfedern, befindet und beim Weibchen fast regelmäßig fehlt.

Schrifttum

Stradi, R. (1998): The colour of flight. Solei Gruppo Editoriale Informatico, Milan.

Wittig, W. (2008): Erfahrungen mit Goldalcippen. Gefiederte Welt 132, H. 1, S. 6-11.