Arbeitsgruppe Weichfresser e.V. - Für Freunde der Weichfresser

Gelbbrust-Lasurmeisen

14 Sep, 2021

Gelbbrust-Lasurmeisen

Meisen findet man selten bei den Vogelliebhabern, aber sie können doch sehr muntere, hübsche, interessante und ausdauernde Bewohner sein, wenn man ihnen ein angemessenes Gehege zur Verfügung stellt. Die meisten Arten vertragen unser Klima gut und können in Freivolieren gehalten werden. Dr. Walter Wittig schildert seine Erfahrungen und geht dabei besonders auf Probleme bei der Nachzucht ein.

Gelbbrust-Lasurmeisen – Erfahrungen bei der Haltung und Zucht

Text und Fotos: Dr. Walter Wittig | Dresden

Beitragsbild: Lasurmeise, Weibchen

Die Lasurmeise (Cyanistes cyanus) ist mit acht Unterarten vom europäischen Russland über Sibirien bis zum Amur- und Ussurigebiet verbreitetet. Die meisten Populationen haben eine weiße Unterseite; die Unterarten C. c. flavipectus und C. c. carruthersi aus Mittelasien sowie C. c. berezowskii mit einem isolierten Vorkommen in Nordchina haben dagegen eine gelbe Brust und werden deshalb unter Vogelhaltern als Gelbbrust-Lasurmeise bezeichnet; diesen Namen verwende ich in diesem Bericht. Früher wurden die gelbbrüstigen Formen gerne als eine eigenständige Art unter der Bezeichnung Cyanistes flavipectus angesehen. Sie leben in Gebirgen bis zu einer Höhe von 2.500 m, je nach Herkunft in unterschiedlichen Arten von Wäldern und Gehölzen.

Während der Brutzeit stellt das Männchen seine Haube oft auf

Die Gelbbrust-Lasurmeise ist größer als die mit ihr sehr nah verwandte Blaumeise (Cyanistes caeruleus). Sie trägt ihr dichtes Gefieder meist locker; beim sitzenden Vogel fallen oft vorstehende Federbüschel an den Flanken auf. Während der Brutzeit ist das Federkleid des Männchens stärker aufgeplustert, so dass es größer als das Weibchen erscheint. Ist das Männchen erregt, stellt es zusätzlich die kleine Haube auf. Die Geschlechter ähneln sich; das Gelb der Brust beim Männchen ist im Durchschnitt kräftiger. Die beiden mittelasiatischen Unterarten unterscheiden sich in Färbung und Zeichnung nur geringfügig. C. c. carruthersi hat neben etwas matteren Farben weniger Weiß an den Schwanzfedern und Flügeln und ist kleiner. Abbildung 5 zeigt die Verteilung der weißen Farbe an den Steuerfedern eines meiner Männchen, und diese entspricht derjenigen, die Harrap & Quinn (1996) bei C. c. flavipectus zeigen. Kürzlich bekam ich ein Männchen der Gelbbrust-Lasurmeise, bei dem das Weiß im Schwanz etwas weniger ausgedehnt ist; zudem ist es deutlich kleiner. Dieses Tier gehört demnach zur Unterart C. c. carruthersi, die übrigen Tiere meines Bestandes zu C. c. flavipectus.

Haltung und Fütterung

Nachdem ich Mitte März 2015 ein Pärchen der Gelbbrust-Lasurmeise erworben hatte, bezog es bald eine etwa 16 m² große Voliere im Garten, in der auch Polarbirkenzeisige (Acanthis hornemanni) und Himalajagrünfinken (Chloris spinoides) lebten, mit denen es sich gut vertrug. Als Futter erhielten sie neben Sonnenblumenkernen und im Winter auch Nüssen ständig ein industriell hergestelltes Fettfutter (sowohl als Weichfutter als auch als pelletiertes Futter) ad libitum, wobei sie manchmal das eine oder das andere vorzogen. Hanf, Nigersaat, Rübsen und Leinsaat lehnten sie ab. Dazu bekamen sie Mehlkäferlarven: während der Jungenaufzucht unbeschränkt, im Frühjahr und Sommer je Tier und Tag 1–2 Teelöffel, im Herbst und Winter weniger. Die Mehlkäferlarven erhielten in den letzten 12–24 Stunden vor der Verfütterung vitaminhaltiges Futter wie Möhren oder Salat. Wenn dies nicht erfolgt war, wurden sie mit dem Multivitaminpräparat Nekton-S (Fa. Nekton) in der vom Hersteller empfohlenen Menge bepudert, wobei die Zugabe weniger Tropfen Speiseöl zu den Mehlkäferlarven dafür sorgte, dass das Pulver besser haftete. Teilweise bekamen auch vitaminreich ernährte Larve eine zusätzliche Nekton-S-Behandlung, dann jedoch in verringerter Dosierung.

Im Winter wurden die Mehlkäferlarven- und Weichfutterrationen verringert und die Sonnenblumenkerne, ergänzt durch Nüsse, waren die Ernährungsgrundlage. Apfel wurde ganzjährig regelmäßig gegeben und verzehrt. Wassermelone und Aprikose wurden ebenfalls gern genommen, Pfirsich war weniger beliebt. Auch gelbe Feuerdornbeeren wurden manchmal gefressen, wohl eher nur das Fruchtfleisch.

Die Mehlkäferlarve wird zum Verzehr vorbereitet

Ab und zu bot ich den Meisen verschiedene Unkräuter mit Samen aus dem Garten an, denen sie wohl in der Natur öfter zusprechen als in der Voliere, wo sie ihren Hunger stets an gefüllten Futtertrögen stillen können. Sie fraßen halbreifen oder reifen Samen von Hohlzahn (Galeopsis spec.), Taubnessel (Lamium spec.), Nachtkerze (Oenothera biennis), Wegeraute (Sisymbrium officinale), Breitwegerich (Plantago major), Amarant (Amaranthus spec.) und einer kleinen Art des Weidenröschens (Epilobium spec.). Auch Apfelkerne nahmen die Lasurmeisen. Von Vogelmiere (Stellaria media) naschten sie zeitweilig, besonders im Frühjahr, und zu dieser Jahreszeit fraßen sie auch den Inhalt unreifer Schoten des Rübsens (Brassica rapa) und Teile von Knospen, z. B. der Forsythie (Forsythia spec.) und der Traubenkirsche (Prunus padus).

Damit das Brustgefieder gelb blieb, erhielten die Gelbbrust-Lasurmeisen vor und während der Mauser Lutein in Form eines käuflichen, aus Tagetes-Blüten gewonnenen Luteinpräparates zusammen mit den Mehlkäferlarven und, zur besseren Haftung, wenigen Tropfen Speiseöl. Oder die Mehlkäferlarven wurden vor der Verfütterung mit luteinhaltigen grünen Pflanzenteilen wie Salat, Mohrrübenblättern oder Brokkoli ernährt. Die Intensität der erzielten Gelbfärbung war unterschiedlich, wahrscheinlich vor allem infolge der Aufnahme unterschiedlicher Mengen Lutein.

Ein Mineralstoffgemisch stand immer zur Verfügung. Das Trinkwasser wurde bei Frost teilweise durch Schnee oder geraspeltes Eis ersetzt.

Brut

Bruten erfolgten mit wechselndem Erfolg von 2015 bis 2019, auch in einer kleineren Voliere mit 6 m² Grundfläche. Für die ersten Jahre soll darüber im Folgenden zusammenfassend berichtet werden und nur für das Jahr 2019 eingehender.

Den Vögeln standen Holzbetonnistkästen (Großraumnistkasten Typ 2GR mit integriertem Katzen- und Marderschutz) zur Verfügung, wie sie von der Firma Schwegler für einheimische Meisen und andere Höhlenbrüter gebaut werden. In den Nistkästen türmten die Meisen Moos mit wenigen Grashalmen hoch auf. Obenauf kleideten sie die Nestmulde mit Wolle, Baumwolle und Haaren aus; damit fuhren sie selbst dann noch fort, als bereits Eier im Nest lagen. Auch die Wolle von Pappelsamen (Populus spec.) verwendeten sie zum Auskleiden. Allein das Weibchen baute am Nest und wurde dabei oft vom Männchen begleitet, ohne dass dieses Nistmaterial transportierte. Die Grundfläche der Nistkästen ist nicht quadratisch, sondern rechteckig und tiefer als breit. Das soll den Vorteil haben, dass die Altvögel beim Füttern nicht auf die Jungvögel treten müssen (Henze, 1991). Die Gelbbrust-Lasurmeisen bauten aber ihr Nest teilweise quadratisch im vorderen Bereich, so dass dahinter ein schmaler, bis etwa zur halben Höhe mit Moos gefüllter Spalt blieb.

Das erste Ei lag in den ersten vier Jahren zwischen dem 9. und 27. Mai im Nest. Die ersten Gelege im Jahr bestanden aus sechs bis – meistens – acht Eiern, von denen sich einige als unbefruchtet erwiesen. Manchmal folgte ein zweites, kleineres Gelege, das immer unbefruchtet war.

Ein Altvogel bringt Futter
Mit Apfelstückchen stillen die Lasurmeisen bei warmem Wetter auch den Durst ihrer Jungen, solange diese noch nicht an die Tränke gelangen können

Das Erscheinen einer Mauereidechse in der Voliere veranlasst die Lasurmeisen, ihre Jungen zu warnen

Schon wenige Stunde nach dem Ausfliegen können sich Jungen sicher auf den Zweigen halten
In den ersten Tagen nach dem Ausfliegen halten sich die Jungvögel gern im Laub versteckt
Junge Gelbbrust-Lasurmeise
Junge Gelbbrust-Lasurmeise eine Woche nach Verlassen des Nestes

Die Vogelwarte Radolfzell führte sehr eingehende Untersuchungen über das Brutgeschehen an Lasurmeisen durch, die aus dem europäischen Teil Russlands stammten (Rost und Siebenrock, 1990). Danach hielten sich die Weibchen ab dem fünften Bruttag durchschnittlich 50 min im Nistkasten auf und anschließend 8 min außerhalb; vorher sind die Bebrütungsphasen kürzer. Unter normalen Volierenbedingungen unterbrechen die Weibchen die Bebrütung auch dann, wenn der Pfleger erscheint.

Während die Eier ausschließlich von den Weibchen bebrütet werden, beteiligen sich die Männchen aktiv an der Fütterung des Nachwuchses. Die Eltern fütterten die Nestlinge vor allem mit Mehlkäferlarven in allen Größen. Diese ernährte ich, um eine zuverlässige Vitaminversorgung der Nestlinge zu sichern, im letzten Jahr 12-24 Stunden vor der Verfütterung jeden zweiten Tag abwechselnd mit Möhren oder einem Nekton-Haferflockengemisch, das ich aus 10–12 Teelöffeln Haferflocken, etwa 10 ml Wasser und 1 g (Messlöffel) des Multivitaminpräparats Nekton-S herstellte. Bei der Auswahl der Mehlkäferlarven achtete ich darauf, dass sie sich mehrheitlich noch nicht in der Phase vor der Verpuppung befanden, in der sie keine Nahrung mehr aufnehmen. Teilweise gab ich zusätzlich auch Fliegenmaden (sog. „Pinkys“), die die Eltern vor allem in den ersten Tagen gern verfütterten.

Die Elterntiere bearbeiteten die Mehlkäferlarven vor der Verfütterung vor allem in den ersten Lebenstagen der Nestlinge intensiv, um schnabelgerechte Portionen zu schaffen. Und selbst nachdem die Jungvögel das Nest verlassen hatten, ließen die Altvögel teilweise nur noch die Hälfte von den Mehlkäferlarven übrig, ehe sie diesen Rest in die aufgesperrten Schnäbel steckten. Später überreichten sie die Larven von Schnabel zu Schnabel, aber zunächst wurden auch diese vorher noch bearbeitet.

2017 hatte ich im Tausch ein fremdes Männchen bekommen, doch bei der Verpaarung mit verschiedenen nachgezogenen Weibchen waren die Gelege in zwei Jahren stets unbefruchtet. 2019 achtete ich deshalb verstärkt darauf, dass die Lasurmeisen in den ersten Monaten des Jahres, entsprechend ihrer Ernährung in der Natur, vor allem Sonnenblumen- und Walnusskerne, etwas Weichfutter und nur wenige Mehlkäferlarven bekamen. Vom 2. April bis zur Ablage des ersten Eies gab ich zusätzlich Vitamin E ins Trinkwasser in Form von Nekton-E (0,5 g / 125 ml). Ende April wurde das Nest gebaut, und am 5. Mai lag ein erstes Ei im Nest. Aber es wurde nicht gebrütet. Stattdessen trug die Lasurmeise ab dem 18. Mai Material zu einem neuen Nest über dem alten ein und legte dorthinein bis zum 26. Mai sechs Eier. Als ich im Herbst den Nistkasten säuberte, fanden sich drei Eier des ersten Geleges tief unten im Moos des ersten Nestes.

Am 6. Juni lagen zwei Junge im Nest, zu denen einen Tag später noch zwei weitere dazu kamen; schon am Vortag hatte ich beobachtet, dass das Männchen eine große Mehlkäferlarve sehr lange und intensiv bearbeitete und damit den Nistkasten anflog, in dem zu dieser Zeit noch nichts geschlüpft war. Die Alten waren nun sehr besorgt und warnten, wenn sich die sonst wenig beachtete Katze in der Nähe sehen ließ, und auch das Erscheinen der für sie harmlosen Mauereidechsen (Podarcis muralis) in der Voliere führte zu Warnrufen und zum Unterbrechen der Fütterung. Diese wärmeliebenden Eidechsen waren zu Anfang des vorigen Jahrhunderts in der Nachbarschaft ausgesetzt worden, hatten sich aber erst in den letzten Jahren infolge des Klimawandels stärker ausgebreitet und dieses Jahr erstmalig auch die Voliere in ihren Aktionsbereich einbezogen.

Am 22. und 23. Juni fiel auf, dass weniger Mehlwürmer als vorher verbraucht wurden. Am folgenden Tag flogen beide Eltern am Vormittag oft den Nistkasten ohne Futter im Schnabel an; später brachten sie zwar Futter mit, schlüpften aber nicht hinein oder brachten die Larve wieder mit heraus. Am 24. Juni, 18 Tage nach Schlupfbeginn, verließ der erste Jungvogel den Nistkasten, und zwei weitere folgten bald. Anfangs waren sie noch etwas unbeholfen und rutschten am Volierengitter ab. Aber schon in den nächsten Stunden lernten sie, sich im Gezweig festzuhalten, von Zweig zu Zweig zu hüpfen und zu fliegen.

Am nächsten Tag war es wie an den Vortagen sehr heiß, und als ich am Vormittag bei 31 °C zur Voliere kam, hechelten die drei Jungvögel stark. Da sie nicht schwitzen können, mussten sie auf diese Weise Wasser verdunsten, um sich zu kühlen. Woher sollten sie aber das Wasser nehmen, solange sie noch im Nest sitzen oder kurz nach dem Ausfliegen noch nicht die Trink- oder Badegefäße aufsuchen können? Die Altvögel zeigten es bald. Beide flogen an die Jungvögel seitlich und parallel zu ihnen heran und brachten ihre Schnabelspitze an den Schnabelspalt der nicht sperrenden Jungvögel. Offenbar übergaben sie dabei Flüssigkeit; genau war das aber nicht zu sehen. Bald konnten sie eine wohl effektivere Methode der Flüssigkeitszufuhr anwenden. Die Lasurmeisen hatten regelmäßig Apfel erhalten, der aber zu diesem Zeitpunkt verbraucht war. Ich drückte deshalb eine Apfelscheibe durch das Gitter und löste damit hektische Betriebsamkeit aus. Das Weibchen stürzte sich darauf, flog dreimal hintereinander in höchster Eile zu einem der Jungvögel und stopfte ihm Stückchen des Apfels in den aufgesperrten Schnabel, bis er nichts mehr nahm, und kümmerte sich dann zusammen mit dem Männchen um die beiden anderen. Das vermutete Einflößen von Flüssigkeit in den Schnabelspalt wurde nun nicht mehr beobachtet.

An den ersten Tagen nach dem Ausfliegen inspizierten beide Altvögel mehrmals die Gegend der Kloake der Jungvögel und pickten manchmal auch daran. Der Sinn dieser Aktionen war mir unklar. Vermissten sie die Kotabgabe ihrer Jungen, denen sie während der Nestlingszeit regelmäßig den Kot abgenommen hatten?

Das Männchen, das sich in den vorangegangenen zwei Jahren als unfruchtbar gezeigt hatte, brachte also im Jahre 2019 eine erfolgreiche Brut zustande. Ob das ein Erfolg der zusätzlichen Beifütterung von Vitamin E war, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.

Nicht bebrütete Eier

Mehrmals hatte ich beobachtet, dass schon zu Beginn der Bebrütung oder später ein Ei oder mehrere nicht in der Nestmulde lagen, sondern im Spalt hinter dem Nest oder  am  Flugloch. Offenbar hatten die Vögel sie selbst dorthin gebracht. Es half auch nicht, die Eier wieder in die Nestmulde zu legen. Möglicherweise waren die Eier nicht befruchtet oder auch aus einem anderen Grund nicht entwicklungsfähig. Aber woher wissen die Vögel, ob die Eier befruchtet sind, vor allem wenn sie sich in frühen Entwicklungsstadien befinden? Nach neueren Erkenntnissen erfolgt über den Geruchssinn der Vögel die Wiedererkennung des eigenen Nachwuchses wie auch das Erkennen der eigenen Eier und des Verwandtschaftsgrades von Individuen durch körpereigene chemische Geruchsstoffe (Stäb, 2019). Es scheint möglich, dass die Vögel auf diese Weise auch Informationen über das neue Leben im Ei erhalten können, zumal dieses bereits nach der Befruchtung im Eileiter beginnt. Allerdings wurden auch unbefruchtete Eier und Gelege die normale Zeit bebrütet.

Wie oben berichtet, hatte ich 2019 die ersten drei Eier tief im Moos des Nestes vergraben gefunden. Im Frühjahr 2020 geschah fast das Gleiche: nachdem drei Eier gelegt worden waren, konnte ich sie am nächsten Tag nur noch in der Tiefe des Moosnestes fühlen, wenn ich danach grub, und der Boden der Nestmulde war glatt und fest. Einen Tag später lag wieder ein Ei darin, und das Weibchen war sehr aktiv, mit viel Wolle das Nest wiederherzustellen oder neu zu bauen. Wie konnte es kommen, dass das Gleiche wie im Vorjahr geschah, obwohl es diesmal ein anderes Zuchtpaar war? Aber es war der gleiche Pfleger! Der Fehler musste also wohl bei mir liegen. Ich hatte in beiden Jahren die mit etwas Wolle bedeckten Eier gezählt und sie dabei mit dem Finger berührt. Wenn nach den neuen Erkenntnissen über den Geruchssinn der Vögel das Wiedererkennen der eigenen Eier über deren Geruch erfolgt, erscheint es gut möglich, dass mein Paar den durch das Berühren veränderten Geruch der Eier als fremd wahrgenommen hat, diese deshalb als Fremdkörper in der Tiefe des Nestes entsorgt und eine neue Brut begonnen hat.

Übernachtung

In der Voliere hatte ich eine kleine Futterampel mit drei Öffnungen aufgehängt, um den Vögeln darin ab und zu einen Leckerbissen anzubieten. Doch es stellte sich heraus, dass diese immer wieder einer Gelbbrust-Lasurmeise zur Übernachtung diente, obgleich ihre geringe Größe (Innendurchmesser: 5 cm, Innenhöhe: durchgehend 6,5 cm) sie dazu zwang, ihren Schwanz aus einer Öffnung heraushängen zu lassen (siehe Abb. 13). Das weist darauf hin, dass Lasurmeisen zum Schlafen gerne einen geschützten Ort suchen. Aus ihrer Heimat wird berichtet, dass sie in kirgisischen Gebirgen in Nistkästen und in Nestern des Weidensperlings und in Westsibirien im Winter truppweise dicht aneinandergedrängt schlafen (Hudec, 1993). Im Unterschied dazu übernachtet die Blaumeise einzeln, ausnahmsweise auch zu zweit, in Nistkästen oder in Baumhöhlen, Rindenspalten und anderen engen Hohlräumen (Hudde, 1993).

Regelmäßig übernachtete eine Lasurmeise in einer kleinen Futterampel.
Innenseite der Vorderwand des Nistkastens mit der Nische hinter dem Flugloch, in der die Lasurmeisen übernachteten
Nächtlicher Kotabsatz im Nistkasten unter der Nische hinter dem Flugloch.

Im letzten Winter kontrollierte ich auch die nach der Brutsaison gereinigten beiden Holzbetonnistkästen in der mit sechs Gelbbrust-Lasurmeisen besetzten Voliere. In einem von ihnen fand sich kein Kot; er war offenbar nicht zum Schlafen benutzt worden. Der andere hing neben einer trockenen Fichte, die ich zum Schutz der Voliereninsassen vor Winterstürmen mit einer Decke behängt hatte. Der Nistkasten war dabei mit einbezogen und hing ziemlich im Dunklen. Als ich ihn öffnete, war ich sehr überrascht, denn er enthielt eine große Menge Vogelkot, und zwar nur am vorderen Rand der Bodenfläche. Eine solche Menge Vogelkot hatte ich bisher bei der Kontrolle der Nistkästen, auch der Blaumeisen und Kohlmeisen (Parus major) im Garten, noch nicht gesehen. Offenbar hatten hier mehrere Lasurmeisen gleichzeitig übernachtet. Nach Reinigung kontrollierte ich den Nistkasten in der jetzt mit weniger Individuen besetzten Voliere fünf Wochen später erneut. Wie Abbildung 15 zeigt, hatten die Vögel bei der Kotabgabe offenbar beiderseits neben dem Flugloch gesessen. Das Flugloch (32 × 45 mm) ist bei den benutzten Schweglerschen Nistkästen zum Schutz vor Mardern vorgezogen, und dahinter befindet sich, vom Inneren des Kastens aus betrachtet, eine Nische von 11 cm Breite, 5,5 cm Tiefe und 5 cm Höhe (siehe Abbildung 14). Diese hatte den Vögeln offensichtlich zur Nachtruhe gedient.

Nach diesen Beobachtungen sollte bei der Haltung der Lasurmeisen in der Voliere für entsprechende Unterschlupfmöglichkeiten gesorgt werden. Normale Nistkästen werden dafür offenbar kaum genutzt. Eine Gelbbrust-Lasurmeise, die ich vorübergehend in einer Zimmervoliere unterbrachte, übernachtete regelmäßig in einer kleinen, zur Fütterung wildlebender Vögel im Winter gebauten Höhle. Diese ist in einen kleinen Stamm gebohrt, hat zwei Fluglöcher mit einem Durchmesser von 3,8 cm und einen Innenraum mit einem Durchmesser von 8,5 cm und durchgehend 10 cm Höhe. Diese Ausmaße entsprechen offensichtlich den Bedürfnissen dieses Pfleglings, auch noch nach Verschluss eines der beiden Fluglöcher.

Zutraulichkeit

Anfangs hatten sich die Gelbbrust-Lasurmeisen ängstlich gezeigt und sich in der Voliere in den Hintergrund verzogen, sobald sich jemand sehen ließ. Das besserte sich nach und nach, als ich ihnen ab und zu frisch gehäutete Mehlkäferlarven zuwarf. Ein Weibchen, das wegen Erkrankung durch eine Zecke wenige Tage in einem Käfig verbringen musste, wurde dabei besonders zutraulich und blieb es auch. Jetzt nehmen alle gern am Gitter Mehlkäferlarven oder andere Leckerbissen; und wenn ich an der Voliere erscheine, lassen sie sich in ihren Lebensäußerungen nicht stören.

Nicht nur durch diese Zutraulichkeit sind die Gelbbrust-Lasurmeisen sehr angenehme Pfleglinge. Sie machen keine großen Probleme, wenn ihnen ein angemessenes Gehege zur Verfügung steht, und können dank ihrer Herkunft das ganze Jahr in der Freivoliere leben. Sie beeindrucken durch ihr hübsches Gefieder und vor allem auch durch ihre ständige Munterkeit.

Literatur

Harrap, S. & Quinn, D. (1996): Tits, nuthatches and treecreepers. Christopher Helm Ltd., London.

Henze, O. (1991): Die richtigen Vogelnistkästen in Wald und Garten. Konstanz, Südkurier.

Hudde, H. (1993): Parus caeruleus – Blaumeise. In: Glutz von Blotzheim, Urs N. (Hrsg.). Handbuch der Vögel Mitteleuropas. Band 13/I. Wiesbaden, Aula-Verl.

Hudec, K. (1993): Parus cyanus – Lasurmeise. In: Glutz von Blotzheim, Urs N. (Hrsg.). Handbuch der Vögel Mitteleuropas. Band 13/I. Wiesbaden, Aula-Verl.

Rost, R. & Siebenrock, K. (1990): Nachzucht der Lasurmeise. Gefiederte Welt 114: 335-339.

Rost, R., Siebenrock, K. & Daukova, S. (1992): Eine Zweitbrut (Schachtelbrut) bei der Lasurmeise. Gefiederte Welt 116: 420-423.

Stäb, Fr. (2019): Der Geruchssinn der Vögel – ein Schlüsselfaktor auch bei der Partnerwahl? Gefiederte Welt 143 (8): 18-22.

Der vorstehende Bericht erschien in der Zeitschrift „Gefiederte Welt“ 145. Jahrgang, Heft 7/2021, Seiten 10 – 15

Ergänzung zum Beitrag „Gelbbrust-Lasurmeisen – Erfahrungen bei der Haltung und Zucht“ von Dr. Walter Wittig

In dem Beitrag war darüber berichtet worden, dass aus manchen Gelegen der Gelbbrust-Lasurmeisen keine Jungvögel geschlüpft waren.  Auch im Folgejahr 2020 schlüpften aus zwei Gelegen, die von anderen Eltern als im Vorjahr stammten, keine jungen Meisen. Im Jahre 2021 wurde deshalb wieder Ende April und auch vor dem zweiten Gelege Vitamin E in Form von Nekton-E im Trinkwasser gegeben, aber das Ergebnis war nicht besser.  Allerdings waren in diesen beiden Jahren nicht wie im 2019 konsequent bis Ende März hauptsächlich Samen und Nüsse und etwas Weichfutter, aber nur wenige Mehlkäferlarven gegeben worden.

Während aber bei der Mehrzahl der Eier dieser Gelege keinerlei Entwicklung sichtbar war, zeigten doch einige beim Öffnen ein geringes Gewebewachstum, das bei zwei Eiern zu einem Embryo mit bereits deutlich sichtbaren Augen geführt hatte.  In diesen Fällen kann also nicht von einer fehlenden Befruchtung ausgegangen werden. Möglicherweise waren auch andere Eier dieser Gelege befruchtet worden, aber der gleiche unbekannte Faktor wie bei denen mit erkennbarer Entwicklung hatte schon sehr frühzeitig zur Abtötung der Embryonen geführt. Als Ursache dürften unter anderem Mangelzustände, Brutfehler, genetische Probleme und vielleicht auch Infektionen in Betracht kommen.