Arbeitsgruppe Weichfresser e.V. - Für Freunde der Weichfresser

Borstenhäherling

20 Feb, 2020

Borstenhäherling

Borstenhäherling – Haltung und Vermehrung

Borstenhäherling  –  Trochalopteron lineatum (syn.: Garrulax lineatum)

Ordnung: Passeriformes (Sperlingsvögel)

Familie: Leiothrichidae (Häherlingsverwandte)

Gattung: Trochalopteron

Text und Fotos:  Sascha Fischer (2019)

 

Einleitung:

Diesen Häherling entdeckte ich das erste Mal in einer Anzeige im Tierflohmarkt. Nachdem ich mit dem Schweizer Anbieter Kontakt aufnahm und ich mich, nach intensiven Suchens nach Informationen zu dieser Vogelart, im Internet spärlich belesen hatte, entschloss ich mich die beide Paare inkl. eines einzelnen Weibchens zu kaufen. Da ich nur ein Paar behalten wollte, bot ich das zweite Paar einem befreundeten Ehepaar an.

Leider konnte ich nicht sehr viel über diesen interessanten Vogel finden. Nur Habitatansprüche und einzelne Videofrequenzen entdeckte ich. Ich nahm mir beim Eintreffen der Tiere vor, sie intensiv zu beobachten und genau aufzuschreiben, um mehr Informationen über diese Art weiterzugeben, als ich „ergooglen“ konnte.

Unterbringung:

Das Paar, welches ich mir aussuchte, kam in einer kombinierte Innen- und Außenvoliere, deren äußerer Teil 4 x 1 x 2 m (l x b x h) beträgt, der Innere hat eine Grundfläche von nur einem Quadratmeter bei gleicher Höhe.

Bepflanzt ist ihr neues Domizil mit wildem Wein, einer Konifere und zwei Holunder. Dieses Dickicht lässt neugierigen Blicken von außen keine Möglichkeit, sodass ich mich in der Innenvoliere aufhielt, um durch das Einflugloch dem interessanten Treiben der „Neuen“ zu folgen. Mit jeder dieser Observationen wuchs meine Begeisterung für diesen schlichtgefärbten Häherling.

Solche Dickichte scheinen für diese Art ausschlaggebend für das Wohlbefinden zu sein, denn der Borstenhäherling bewegt sich eher hüpfend durchs Geäst, als lange Strecken zu fliegen. Seine rundlichen Flügel sind ein Indikator für seine verborgene Lebensweise.

Durch ständige Lautäußerungen in Form leisen Piepsens blieb das Paar in Rufkontakt. Auch dies lässt zurückführen auf ein Leben im dichten Grün.

Ernährung:

Meine Hähelringe bekommen ein Gemisch aus dem Weichfresser-Fertigfutter Uni patee Premium, feinen Haferflocken und gekochten Eiern, die ich kleingemixt untermenge. Nun kommen gefrorene Insekten, wie mittlere Heimchen, Pinkys, Buffalos, mittlere Soldatenfliegen und Wachsmottenlarven hinzu, die ich vorher mit Bierhefe, Oregano- und Brennnesselpulver, Silymed, gemahlenen Blütenpollen und Vogelkohle von der Firma Hungenberg, sowie Vita-Kalk und Avi-Total plus von Avian bestäube. Nun wird alles vermengt und eingefroren und täglich portionsweise aufgetaut.

Als Lebendfutter nehme ich Buffalos und wenige Mehlwürmer, die Bewegung in das angebotene Futter bringen.

Dieses Gemisch wird mit geriebenem Apfel und/oder Möhre leicht angefeuchtet.

Die „Borstis“ nehmen dieses Futter von Anfang an gut an.

Zur Aufzucht der Jungtiere steigt der Insektenanteil an lebenden Kerfen, wie Heimchen, die ich in einer Plastewanne reiche, Zophobas und frischgehäutete Mehlwürmer, die ich mit Vita-Kalk und ähnlichem paniert zweimal täglich auf den Volierenboden werfe.

Im Spätherbst stellte ich fest, dass alle meine Häherlinge die angebotenen F16 Perlen vermehrt aufnahmen und weniger von dem Grundfutter. Daraufhin ließ ich mich hinreißen, den Vögeln ein Sittichfutter anzubieten, welches ich mit groben Haferflocken aufwerte. Sie nahmen besonders kleine Sämereien auf und ließen Sonnenblumenkerne liegen. Kurze Zeit darauf bot ich Erdnüsse in der Schale an, die ich aufbrach, sodass die Tiere ein bisschen was tun mussten, um an den Inhalt zu kommen.

Weiche Birnen und Äpfel nehmen sie gern das ganze Jahr über. Diese teilte ich in der Mitte und spießte sie auf einen Nagel auf einem der Sitzäste. Holunder-, Him- und Johannesbeeren finden immer reißenden Absatz.

Aufgrund ihrer Badebegeisterung muss das Trinkwasser täglich erneuert werden.

Vermehrung:

Im Jahr 2015 ist mir die deutsche Erstzucht gelungen, die ich bereits in der Zeitschrift „Gefiederte Welt“ Heft 04/2016, Seiten 27 – 29, beschrieb.

Neue Erkenntnisse möchte ich hier preisgeben.

Ende April 2016 begann das Paar den Nestbau in einer Astgabel im Holunder. Schon während der Entstehung schlich ich mich heimlich in die Außenvoliere, als das Paar Futter gereicht bekam und stabilisierte die Konstruktion mit einem Bastkörbchen, welches ich am Stamm mit Draht befestigte.

Die beiden nahmen mir dieses Eingreifen nicht übel, als ich sie wieder in den Außenteil entließ.

Das Nistmaterial bot ich dieses Jahr gebündelt am Volierendraht an. Hier konnte ich sehen, dass sie Schilfblätter abknickten und am Boden bearbeiteten. Sie hielten sie im Fuß fest und zogen die breiten Blätter auseinander und nahmen die feinen Teile zum Bauen. Begonnen wurde mit grobem Material, welches nach innen immer feiner wurde. Zum Schluss verwendeten sie Hanf- und Kokosfasern.

Auch 2015 war das Nest verhältnismäßig tief und kompakt, welche auf Wetterkapriolen in der Heimat hinweisen.

Ich konnte sogar einmal beobachten, wie sie einen frischen Holundertrieb abbrachen, der ins Nest zu wachsen drohte.

Am 05.05.16 nahm ich die Gelegenheit war ins Nest zu schauen, nachdem am Vortag ein Vogel regelmäßig auf dem Nest saß. Ein bläuliches Ei lag darin. Als ich das Wasser erneuerte, lag das Ei im Trog-das Nest war leer.

Zwei Tage später lag wieder ein Ei im Nest, ein weiteres folgte. Abwechselnd brüteten beide Altvögel.

vor kurzem geschlüpft

Am 24.05. entdeckte ich eine Eischale durch das kleine Ausflugloch. Die vorher angebotenen mittleren Heimchen trug der Alte zum Nest. Dabei stand der hudernde Vogel auf und verschwand, während der andere die Nahrung an eines der Jungen weitergab. Dieser hob wahrscheinlich sein Hinterteil (dies konnte ich nicht sehen) und der abgesetzte Kotballen schluckte der Alte ab und setzte sich aufs Nest.  Diesen Wechsel verzogen sie immer, wenn einer mit einem Insekt zum Nest kam.

Ich wollte die Jungtiere dieser Brut beringen und sehen, ob die Eltern diese Störung tolerieren.

Voller Freude entdeckte ich am 28.05. zwei sich mir entgegenstreckende Junge, die ich mit 4,5mm Ringen kennzeichnete.

10. Lebenstag

Im Alter von 10 Tagen verließen die Kleinen ihre Kinderstube, völlig flugunfähig und mit kurzem Stummelschwanz. Auffällig sind ihre langen Beine, mit denen sie sicher im Geäst klettern können. Die Zeit des Ausfliegens ist sehr tückisch und kann bei verregnetem Wetter den Tod der Jungen bedeuten, wenn sie nicht geschützt sind. Ich habe dreiviertel der Außenvoliere mit Lichtplatten überdacht, zusätzlich sind die Seiten durch Sichtschutzmatten verblendet.

Die Eltern reagieren in dieser Zeit besonders sensibel auf Störungen und begleiten jegliches Betreten ihres Revieres mit lautem Gezeter. Auch der Nachwuchs stimmt bald mit ein, sodass das Wassergeben ein akustisches Unbehagen beim Störenfried auslöst.

Nach nur 5 Tagen schleppten die Alten erneut Nistmaterial, zogen eine Etage höher und an den Volierenrand, an dem sie auch schon letztes Jahr ihr Nest errichteten. 10 Tage vergingen bis zum 1. Ei des 2. Geleges. Die Jungen der vorangegangenen Brut mussten nun aus der Voliere entfernt werden, da sie am Nestrand den brütenden Altvogel anbettelten. Dies gelang mir in der Innenvoliere, nachdem einer der Eltern zeigte, dass die Leckereien dort zu finden sind.

Am 04.07. schlüpften aus dem dreier Gelege drei kleine Borstenhäherlinge, die ich im Alter von 6 Tagen beringte. Mit 16 Tagen Nestlingszeit verließen alle Junge am 20.07. das Nest.

2 Tage nach dem Ausfliegen

Dieses Mal ging alles schneller. Das Paar baute innerhalb von 3 Tagen nach dem Flüggewerden der Jungen ein neues Nest, indem am 24.07. das 1. Ei des nächsten Geleges lag.

Das Nest ließ sich nicht einsehen und war ziemlich gut getarnt. Die Eierschalen verrieten, dass etwas geschlüpft sein musste. Am 13.08. konnte ich 4 Junge beringen! Die Jungtiere der Vorbrut beließ ich drinnen, da ich sehen wollte, ob sie schon in dem Alter mit fütterten. Bei vielen Häherlingen kann man genau dieses Verhalten beobachten. Doch leider nicht bei ihnen. Wahrscheinlich, weil sie selbst noch zu jung waren. Der Futterverbrauch war enorm und die älteren Jungtiere nahmen die Leckereien den Alten weg. Am 23.08. war die Meute dem Nest entflogen. Zwei von ihnen hüpften am Boden rum und konnten auch mehrere Tage später nicht den höheren Volierenbereich erklimmen. Leider musste ich feststellen, dass einer ein Bein nach hinten gestreckt hatte, der andere konnte nicht richtig greifen. Bis heute konnte ich keine Erklärung dafür finden. Beide starben kurze Zeit hintereinander.

Die Geschlechtsbestimmung entpuppte die Übrigen als 4 Männchen und drei Weibchen! Was für ein Zufall, nachdem im letzten Jahr mehr Männchen großgezogen wurden.

Einen weiteren Brutversuch unternahmen die Borstenhäherlinge nicht.

5 Tage flügge

Fazit:

Der Borstenhäherling ist zweifelsohne einer der interessantesten Pfleglinge, die ich bisher halten durfte. Für seine Zukunft in unseren Volieren wünsche ich mir, dass die genetische Vielfalt noch lange erhalten bleibt. Ich konnte Halter und Züchter ausfindig machen, die die Tiere aus den gleichen Händen erhielten. Eine holländische und belgische Zusammenarbeit wurde mir versichert, um blutsfremde Paare zusammen zu stellen. Ich hoffe, dass uns dieses für den Artenreichtum in Menschenhand gelingt.